veröffentlicht:
August 26, 2026
Last updated:
August 26, 2026

Mehr als Batteriearbitrage: Deshalb ist Value Stacking die Zukunft in den Niederlanden

Für einen Energieversorger bilden die Beschaffungskosten die Grundlage der Profitabilität. Eine Megawattstunde Strom, die zur Spitzenlastzeit eingekauft wird, kann ein Vielfaches derselben Energie zur Mittagszeit kosten, und eine kurzfristig ausgeglichene Ausgleichsenergie-Position kostet noch mehr. Alles, was den Verbrauch aus den teuren Stunden herausverlagert, wirkt sich deshalb direkt auf das Geschäftsergebnis aus. Die Kontrolle über die flexiblen Anlagen in den Haushalten der Kund:innen ist der direkteste Hebel auf die Profitabilität, den es gibt. Deshalb ist das, was gerade in niederländischen Haushalten passiert, wichtiger, als es zunächst scheint.

Das niederländische Paradox: viel Solarstrom, kaum Batteriespeicher

Die Niederlande haben die höchste Photovoltaik-(PV)-Anlagenkapazität pro Kopf in der EU, mit rund 1,35 Kilowatt pro Kopf (2025). Gleichzeitig verzeichneten die Niederlande ein signifikantes 40-faches Wachstum bei installierten Heimspeichern zwischen 2021 und 2025.

Der Solarboom startete natürlich bereits viel früher. Doch Batteriespeicher gab es kaum. Dieses Wachstum entsteht aus gutem Grund gerade jetzt. Jahrelang profitierten niederländische Haushalte mit Solaranlagen vom Net Metering (Salderingsregeling). Dabei wird der Strom, den ein Haushalt ins Netz einspeist, von dem Strom abgezogen, den er im Jahresverlauf bezieht, und die Differenz ist das, was bezahlt werden muss. Wer also 1.500 Kilowattstunden (kWh) Solarstrom einspeist und 4.000 kWh verbraucht, zahlt für 2.500 kWh.

Das Netz war im Grunde der perfekte Batteriespeicher: größtmöglicher Wirkungsgrad, unbegrenzte Kapazität, voller Einzelhandelswert, keine Investitionskosten. Also kauften niederländische Haushalte Solaranlagen und verzichteten meistens auf Batteriespeicher.

Die Regel, die Batteriespeicher überflüssig machte, wird abgeschafft

Das Net Metering wird nun jedoch schrittweise abgeschafft, die vollständige Abschaffung ist für den 1. Januar 2027 geplant. Ab diesem Datum ist das Netz kein kostenloser, unbegrenzter Batteriespeicher zum vollen Preis mehr. Überschüssiger Solarstrom muss irgendwo hin, und der einzige verbleibende Ort im Haus ist ein physischer Speicher.

Das zeigt sich bereits in dem, was installiert wird: Die Niederlande verzeichneten ein 40-faches Wachstum bei installierten Heimspeichern zwischen 2021 und 2025. Die Richtung ist eindeutig, auch wenn die installierte PV-Flotte insgesamt wohl noch Jahre braucht, um in Sachen Batteriespeicherquote aufzuholen.

Ist Batteriearbitrage also ein Hebel, den Energieversorger nutzen können?

Für alle, deren Job der Energieeinkauf ist, legt eine wachsende Flotte von Haushaltsbatterien eine Frage nahe: Lassen sie sich für Arbitrage nutzen?

Was ist Batteriearbitrage?

Batteriearbitrage bedeutet aus Endkund:innenperspektive Strom zu kaufen, wenn er günstig ist und ihn zu speichern und wieder ins Netz einzuspeisen, wenn er teuer ist. Der Batteriespeicher erzielt die Erlöse über die Preisspanne, also die Differenz zwischen dem niedrigen Preis beim Laden und dem hohen Preis beim Entladen. Günstig kaufen, speichern, teuer verkaufen – wiederholt über die täglichen Schwankungen des Strommarkts.

Das passiert auf jeder Ebene, von Batteriespeichersystemen, die direkt am Großhandelsmarkt handeln, bis zur Heimbatterie, die auf stündliche Preise reagiert. Was Batteriearbitrage funktionieren lässt, ist Volatilität. Die größten Preisspannen entstehen meist nicht am Day-Ahead-Markt, sondern am Intraday-Markt, wo der kontinuierliche Handel bis kurz vor Lieferung größere Preisschwankungen erzeugt.

Ein Beispiel verdeutlicht das Verdienstpotenzial: Man betrachte die Residuallast, also die Gesamtnachfrage minus Erzeugung aus erneuerbaren Energien. Mit wachsendem Solaranteil bricht die Residuallast mittags ein, sodass die Tagesverlaufskurve das bekannte Muster der sogenannten Duck Curve (Entenkurve) erzeugt. Die Grafik vergleicht die typische Residuallast eines Tages in den Niederlanden 2016 mit dem gleichen Wert im Jahr 2026.

Die Duck Curve in den Niederlanden

Im Juni 2026 überstiegen die niederländischen Day-Ahead-Preise an mehreren Tagen 800 Euro pro Megawattstunde (MWh). Das Sparpotenzial durch Batteriearbitrage ist hoch. Mit der zunehmenden Menge an Solar- und Windenergie im System wird diese Volatilität erhalten bleiben.

Das alles sollte doch ideal für Batteriearbitrage sein, oder?

Das Problem: Batteriespeicher haben bereits eine Aufgabe

Die meisten Batteriespeicher, die derzeit in niederländischen Haushalten installiert werden, wurden gekauft, um den eigens erzeugten Solarstrom zu speichern. Das ist ihre eigentliche Aufgabe, dazu dient ihre  Kapazität. Der Energieversorger handelt die flexible Größe, die übrig geblieben ist, und sich  stündlich mit dem Wetter, dem Verbrauch des Haushalts und der Strompreiskurve verändert. Die einzige Ausnahme ist eine große Preisspanne am Markt, die den Wert der Eigenverbrauchsoptimierung übertrifft. 

Die verfügbare Batteriekapazität ist meistens genau dann am geringsten, wenn der Markt am wertvollsten ist – zur abendlichen Spitzenlastzeit, wenn auch der Haushalt einen vollen Batteriespeicher braucht. Für einen Energieversorger, der seine Beschaffungskosten senken möchte, entsteht daraus ein Spannungsfeld. Richtig umgesetzt lässt sich dieses Spannungsfeld vermeiden.

Das Spannungsfeld zwischen Flexibilität und Eigenverbrauch

Ein Stromversorger möchte so viel wie möglich flexibilisieren, weil Flexibilität die Beschaffungskosten spürbar senken kann. Aber: jede kWh Batteriekapazität, die für den Handel genutzt wird, steht nicht für den Eigenverbrauch des Haushalts zur Verfügung. Bei schwacher Optimierungslogik kann das dazu führen, dass die Kund:innen im Jahresverlauf mehr Netzstrom kaufen – und so genau das tun, was sie mithilfe ihres Batteriespeichers umgehen wollten.

Ein Angebot, das nur auf Flexibilität setzt, verlangt von den Kund:innen quasi die Zweckentfremdung ihrer neuen Anlage für den Eigenverbrauch. Häufig ist es dann egal, wie gut der angebotene Tarif strukturiert ist. Es ist unwahrscheinlich, dass viele Kund:innen zulassen, dass ihr Batteriespeicher primär für Batteriearbitrage genutzt wird.

Die gute Nachricht: Es gibt eine Alternative, die sowohl Energieversorger als auch Endkund:innen zufriedenstellt.

Value Stacking: Erst den Kuchen backen, dann das Sahnehäubchen aufsetzen

Unsere Antwort bei gridX lautet Value Stacking. Es ist ein Ansatz, der nicht mit Flexibilität beginnt. Er beginnt damit, Prosumer davon zu überzeugen, ihre Energie überhaupt verwalten zu lassen. Dafür muss ein Versorger zunächst irgendeine Form von Mehrwert bieten.

Wie funktioniert die Bindung von Endkund:innen?

Energieflexibilität kann ein Verkaufsargument sein, wenn richtig eingesetzt. Ein Haushalt, der sich zusammen mit einem neuen Batteriespeicher für einen Versorger entscheidet, wählt denjenigen, der den Batteriespeicher am schnellsten amortisiert. Batteriearbitrage ohne Net Metering ist dafür in den Niederlanden sicherlich nicht die Lösung.

Ein Energieversorger sollte zu allererst die grundlegenderen Bedürfnisse erfüllen, beispielsweise Kund:innen ermöglichen, ihren Eigenverbrauch als Basis zu optimieren. Gleichzeitig gilt es, gegen einen Marktpreis zu optimieren, um das Verschieben des Verbrauchs in günstige Stunden zu honorieren. Erst dann – und wirklich erst dann – kann Flexibilität incentiviert werden.

Wert 1: Eigenverbrauchsoptimierung

Wert 2: Time-of-Use-Optimierung nach dynamischen Tarifen

Wert 3: Flexibilität als Zusatznutzen

Unsere Senior Energy Market Expert Irene Guerra Gil bezeichnet Flexibilität als „das Sahnehäubchen auf dem Kuchen". Der Kuchen ist der Grund, warum überhaupt jemand am Tisch sitzt. Ein Energieversorger, der die ersten beiden Werte bietet, gewinnt die Kund:innen, die sich sowieso einen Batteriespeicher kaufen. Für einen Versorger, der allein auf Flexibilität setzt, ist es schwieriger überhaupt Zugang zu Prosumern zu bekommen.

Welche Arten von Flexibilität lassen sich für Endkund:innen und Energieversorger profitabel nutzen?

Läuft die Eigenverbrauchsoptimierung im Hintergrund, ist die eigentliche Arbeit  des Batteriespeichers getan – und die übrige, flexible Energie wird sichtbar und nutzbar. Der Batteriespeicher entlädt sich nur dann in den Markt, wenn die Preisspanne den Wert des Eigenverbrauchs derselben Energie übersteigt. Diese Schwelle ist die gesamte Ökonomie dahinter: Wird sie überschritten, gewinnen beide Seiten, weil der Versorger seine Beschaffungskosten senkt und die Kund:innen eine niedrigere Rechnung sehen. Das ist besonders an Tagen mit großen Preisspannen möglich.

Niederländische Day-ahead-Preise im Juni 2026 über 800 €/MWh

Hier treffen auch die zwei Arten von Flexibilität aufeinander:

Implizite Flexibilität bedeutet, dass der Haushalt seinen eigenen Verbrauch als Reaktion auf Preise verschiebt: laden, wenn Strom günstig ist, verbrauchen, wenn er teuer ist, das Netz meiden, die Rechnung senken.

Explizite Flexibilität bedeutet, dass der Batteriespeicher auf ein Signal von außen reagiert – meist vom Handelstisch des Versorgers –, um am Großhandelsmarkt oder an den Regelenergiemärkten Erträge zu erzielen, von denen ein Teil an die Kund:innen zurückfließt.

Beides zusammen, aufbauend auf der Eigenverbrauchsoptimierung, holt das Meiste aus einem Batteriespeicher heraus. Das ist die Kernidee hinter Flexibilität.

Die Niederlande sind dafür ein guter Ort

Die gleichen Bedingungen, die den niederländischen Markt für Arbitrage interessant machen, sprechen auch für Value Stacking, und bleiben erhalten.

Niederländische Haushalte zahlen Netzgebühren basierend auf der Kapazität ihres Anschlusses, nicht auf den durchlaufenden kWh. In anderen Märkten mit Netzgebühren pro kWh wird jede Runde doppelt berechnet, was Flexibilität nicht incentiviert. In den Niederlanden fällt dagegen, sobald der Anschluss bezahlt ist, keine zusätzliche Netzgebühr für das Be- und Entladen eines Batteriespeichers an. Das macht Flexibilitätsdienste mit Batteriespeichern lukrativ.

Und das Preissignal erreicht den Haushalt tatsächlich. Die Niederlande haben eine der höchsten Adoptionsraten dynamischer Tarife in der EU: Verschiedene Quellen berichten von 7 % im Jahr 2025 bis etwa 9 % im Jahr 2026. In den meisten europäischen Märkten existiert die Volatilität zwar, dringt aber nie bis zum Endkund:innentarif durch, was den Business Case still und leise zunichte macht. In den Niederlanden entwickeln dynamische Tarife sich dagegen zum Standard.

Wie Value Stacking umgesetzt wird

Diese Entscheidung Stunde für Stunde zu treffen geht nicht per Hand. Gute Energieentscheidungen hängen von Echtzeitprognosen zu Preisen, Solarerzeugung und Haushaltsverbrauch ab – das macht es zu einer Softwareaufgabe. Genau hier kommt unsere Plattform XENON ins Spiel.

Value Stacking braucht ein anlagenübergreifendes Home-Energy-Management-System im Haushalt. XENON führt die Eigenverbrauchsoptimierung als Basis aus und koordiniert den Batteriespeicher gemeinsam mit anderen flexiblen Anlagen wie Wallboxen und Wärmepumpen. Das Flex-Produkt verbindet sich mit Marktzugangspartnern, um die überschüssige Kapazität über Day-Ahead-, Intraday- und Ausgleichsenergiemärkte zu handeln, wann immer die Preisspannen es rechtfertigen.

gridX betreibt bereits live laufende Flex-Produkte in den Niederlanden, darunter Ausgleichsenergie-Optimierung mit Heimbatterien, und pilotiert Value Stacking, das Eigenverbrauchsoptimierung mit Lastverschiebung nach Marktpreisen kombiniert. Die Technologie ist bereits vor der regulatorischen Umstellung einsatzbereit.

Für den Haushalt bleibt das alles unsichtbar. Er installiert eine gridBox, und der Mehrwert zeigt sich auf der niedrigeren Stromrechnung – nicht am Markt, den man aktiv beobachten muss. Entscheidungen werden natürlich klar kommuniziert. Für den Versorger ist das Ergebnis ein Flex-Band: ein quantifiziertes, abrufbares Volumen, das die Beschaffungskosten senkt, ohne dass die Endkund:innen ihren Batteriespeicher ungeplant zweckentfremden müssen.

Wie geht es weiter: die Einschätzung einer Expertin

gridXs Senior Energy Market Expert Irene Guerra Gil sieht das Ende des Net Metering als echten Wendepunkt für die niederländische Energiewende. Ein Jahrzehnt lang lieferte es die Vorteile eines Speichers ohne die eigentliche Hardware. Mit seinem Auslaufen rücken jetzt echte Batteriespeicher und echte Optimierung ins Zentrum.

Laut Irene ist die nächste Grenze bereits in Sicht: Das Elektrofahrzeug. Heute betreibt gridX Smart Charging, verschiebt also das Laden von Elektrofahrzeugen in günstige Stunden, unterstützt noch keine echte Vehicle-to-Grid-Arbitrage. Das liegt vor allem an regulatorischen Hürden, nicht an der Technologie – in anderen Ländern erschließt gridX erschließt dieses Potenzial bereits heute mit Kund:innen in anderen Märkten.

„Einen Batteriespeicher ausschließlich für den Handel zu nutzen, gehört in den Niederlanden zunehmend der Vergangenheit an. Mit dem Ende des Net Metering und der Einführung von Einspeiseentgelten werden Batteriespeicher wieder für den Eigenverbrauch benötigt. Die kluge Strategie ist deshalb Value Stacking: Eigenverbrauchsoptimierung als Basis, mit Flexibilität als Sahnehäubchen auf dem Kuchen, aktiviert nur dann, wenn der Markt es wert macht. Der Markt ist und bleibt so volatil, dass Flexibilität immer wertvoll ein wird. Wir stehen mit unserer Technologie in den Startlöchern."

— Irene Guerra Gil, Senior Energy Market Expert, gridX

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